Schützengesellschaft Jünkerath 1889
e.V.
Mit Tradition für eine moderne
Gesellschaft.
Gründungsjahre
im Dunkel der Geschichte.
Die historische Forschung zum deutschen Schützenwesen
erkannte bereits vor geraumer Zeit, dass das Schützenwesen im
Rheinland älter als in Westfalen und beide zusammen die ältesten in
Deutschland sind. Vereinzelte Vereinsgründungen sind vom 11.-14.
Jahrhundert n. Chr. zu verzeichnen, sie mehren sich bis ins 18.
Jahrhundert und haben mit etwa je 4000 Gründungen allein im Rheinland
im 19. und 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Unbestritten besitzen
zahlreiche Vereine seit dem Mittelalter nicht nur Satzungen oder
Statuten, sondern bereits demokratische Strukturen, aufgrund derer die
Vorsteher in der Regel von den Mitgliedern jährlich gewählt wurden.
Das Schützenvereinswesen insgesamt unterscheidet sich von anderen
seit dem 18. Jahrhundert entstandenen Vereinsformen wie z.B. Turn-,
Gesangs- oder Lesevereinen durch sein Alter, die Erlaubnis zum
Waffentragen, seine frühe Verbreitung auch im ländlichen Bereich
und traditionell demokratische Strukturen.
Die Anlässe für die Gründung von Schützenvereinen
sind zahlreich und liegen bei den meisten älteren Vereinen im Dunkel
der Geschichte. Hinzu kommt, dass Königsschießen und Schützenfeste
keineswegs nur von Schützenvereinen durchgeführt wurden, sondern anlässlich
einer Kirmes auch von kirchlichen Bruderschaften unterschiedlichster
Art. Noch im Jahre 1928 führte z. B. der Männergesangsverein Trier
und die freiwilligen Feuerwehren von Dockweiler, Dudeldorf, Speicher
und Densborn ein Schützenfest mit Scheiben- und Preisschießen durch.
Auch der Anlass für die Gründung der Schützengesellschaft Jünkerath
im Jahre 1889 ist den Annalen des Vereins nicht mehr zu entnehmen.
Blütezeit
in der wilhelminischen Ära bis 1914
Nach Aussage der Quellen müssen die Jünkerather
Schützenbrüder bereits am Ende des 19. und zu Beginn des 20.
Jahrhunderts ein strukturiertes Vereinsleben geführt haben, denn
bereits 1906 ist der erste uns noch bekannte und offensichtlich gewählte
Präsident der Schützengesellschaft überliefert. Fritz Kirsch, der
Großvater unseres heutigen Ehrenpräsidenten, Kurt Kirsch, lässt das
erste ordnungsgemäß geführte Sitzungsprotokoll am 4. Dezember 1906
anfertigen. Mit etwa 30 Mitgliedern wurde beschlossen zum Geburtstag
Kaiser Wilhelm II., am 27. Januar 1907, einen Festkommers mit Damen
abzuhalten und schon damals gab es am Schützenfest-Sonntag einen
Festzug, der auf Beschluss der Versammlung bis in die Krimm verlaufen
sollte.
1907 befanden sich Schützenplatz und Schießanlage
auf dem Grundstück der Familie Mathias Stump (heute Schmengler-Bohlen).
Der Jahresbeitrag wurde von 4 auf 6 Reichsmark angehoben und schon
damals klagte der Kassierer über rückständige Mitgliedsbeiträge.
Seit dem Jahre 1909 besucht die Jünkerather Schützengesellschaft
auswärtige Vereine, was mit 15 Reichsmark aus der Vereinskasse und
Fahrgeld und Verzehr der „Büchsenträger“ unterstützt wurde. Königsmedaillen
wurden von nun an nicht mehr in Gold, sondern nur noch vergoldet
angeschafft und die Musik bei Beerdigungen wurde zugunsten einer
Spende an die Hinterbliebenen abgeschafft. Bei seinem 25-jährigen
Bestehen muss die Schützengesellschaft ein blühender Verein gewesen
sein, war sie doch in der Lage 1.500 Reichsmark für die Gestaltung
des Jubiläums aufzuwenden und dies in einer Zeit, in der der
Tageslohn eines Bergarbeiters 3 Mark betragen hat und ein viergängiges
Sonntagsmenu in Berlin 2 Mark kosteten. Das Wohlergehen der Jünkerather
Schützengesellschaft in der Kaiserzeit kommt auch auf dem Plakat zum
Schützenfest am Sonntag, 3. Juli 1910 zum Ausdruck (Chronik von Jünkerath
und Glaadt, 1989, S. 400). Hier ist zu lesen: „Es werden für ca.
1000 Mark Wert- und Geldpreise ausgeschossen“, eine Summe, die dem
Jahreslohn eines Arbeiters entsprach.
Schwierige
Jahre ab 1914
Die blühende Vereinsarbeit in der
wilhelminischen Ära wurde durch den ersten Weltkrieg jäh
unterbrochen. Von 1914 bis 1920 ruhten alle Aktivitäten der Schützen,
bis Hubert Grady am 10. Januar 1920 zum Vorsitzenden gewählt wurde.
Zunächst konnten jedoch nur die Festaktivitäten wieder aufgenommen
werden, was darin gipfelte, dass noch im selben Jahr ein Königsschießen
stattfand, obwohl das Vogelschießen erst zwei Jahre später, am 20.
Mai 1922, wieder genehmigt wurde. Scheibenschießen blieb verboten und
während des Ruhrkampfes ruhten wiederum die Aktivitäten der Schützengesellschaft.
In den Jahren eingeschränkter oder ruhender Vereinsarbeit suchten
sich die Schützen neue Aktivitätsfelder. Am 25. Januar 1921 gründeten
22 Schützen einen Männerchor unter der Leitung des Schützenbruders
Carl Graef, Ingenieur auf der damaligen „Jünkerather
Gewerkschaft“. Dabei handelt es sich um denselben Carl Graef, der
1936 den Werkschor der Mannesmann-Demag gründete. Neuen Aufschwung
fand die Schützengesellschaft im Jahre1925, am 17. Oktober wurden in
der Generalversammlung 21 neue Mitglieder aufgenommen und das Schützenfest
hatte 1066,25 Mark Überschuss ergeben. Ein Überschuss in dieser Höhe
war in den frühen Jahrzehnten der Schützengesellschaft genauso
selten wie in der heutigen Zeit.
Schützenvereine
zwischen Führer und Vaterland
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten
1933 verschlechterte sich die Lage der rheinischen Schützenvereine
als selbständige, auf ihre demokratische Tradition bedachte und meist
christlichen Werten verpflichtete Vereinigungen. Es kam zu
zwangsweisen Vereinszusammenschlüssen, Auflösungen und Selbstauflösungen,
weil den Vereinen etwa durch Verbot des Schützenfestes die
wirtschaftliche Grundlage entzogen wurde. Um den drohenden Auflösungen
zu entgehen „flüchteten“ viele Schützenvereine unter das Dach
„unverdächtiger“ Vereinigungen. In diesem Zusammenhang könnte
der Zusammenschluss der Schützengesellschaft Jünkerath mit dem
Kirmesverein im Jahre 1934 zu sehen sein. Bereits ein Jahr später
wurde die Schützengesellschaft jedoch Mitglied des traditionsreichen,
1861 in Gotha gegründeten, Deutschen Schützenbundes.
Die neuen Machthaber forderten noch 1934 eines
neues Führungsprinzip im Vereinswesen, das die demokratische
Legitimierung des Vorstandes, durch die Wahl eines „Vereinsführers“
ersetzte, der seine Mitarbeiter selber bestimmte. Die hiervon
ebenfalls betroffenen Jünkera-ther Schützen reagierten mit der Wahl
ihres bereits seit 1913 amtierenden Präsidenten, Hubert Grady, zum
Vereinsführer. Hierdurch war eine kontinuierliche Vereinsarbeit
sichergestellt und die Jünkerather Schützengesellschaft behielt
neben dem Eifelverein ihre führenden gesellschaftliche Rolle im
Vereinsleben an der Oberen Kyll bis 1939. In diesem Jahr ihres 50-jährigen
Jubiläums, so berichtet die „Trierische Landeszeitung“ noch 1953
in einem großen Artikel, feierte man ein Schützenfest bei dem
„Tausende von Gästen an diesem Festtag teilnahmen“.
Toni Reuter wurde Schützenkönig und da mit Beginn des 2.
Weltkrieges alle Vereinsaktivitäten eingestellt wurden, blieb er es
bis 1952. Die wertvolle Königskette von 1889, von der die Königsmedaillen
jüdischer Schützenkönige unter ungeklärten Umständen entfernt
wurden, sie sind leider bis heute verschollen, überstand die
Kriegswirren, so die „Trierische Landeszeitung“, da man sie an
einem geheimen Ort vergraben hatte.
Neuanfang,
Wirtschaftswunder und Wiederaufstieg
Wie stark der Zusammenhalt und wie lebendig die
Tradition der Jünkerather Schützen war, zeigt sich an der rasch auf
150 steigenden Mitgliederzahl nach Wiederaufnahme der Vereinsarbeit im
Jahre 1951. Die „Trierische Landeszeitung“ berichtete: Durch seine
Industrie weist Jünkerath „eine andere Lebensart auf, als rein ländliche
Gemeinden des Eifelraumes. Der Jünkerather ist lebenslustig und
aufgeschlossen und man verspürt, dass mit dem Dialekt, der dem Kölnischen
verwandt ist, auch ein Teil rheinischen Frohsinns in Jünkerath seinen
Sitz hat.“ Die Jünkerather Schützen investierten! Neue Gewehre
wurden gekauft, die Schießstände erneuert, die Beziehungen zu den
Nachbarvereinen ausgedehnt. Ein „Jungschützenkönig“ wurde 1963
eingeführt und als erster trug Jürgen Eul diesen Titel. 1977 übernahm
Kurt Kirsch das Amt des Präsidenten von Toni Reuter. Zielstrebig,
tatkräftig und mit langfristigem Konzept ging er die Lösung eines für
den Fortbestand der Schützengesellschaft entscheidenden Problems an.
Im dichter werdenden Wohngebiet hinter dem Gasthaus Schmengler wurde
es immer schwieriger eine Schießerlaubnis zu erhalten. So wurde 1980
der Bau eines eigenen Schützenhauses beschlossen, für das Ehrenpräsident
Toni Reuter und Ehrenmajor Franz Freischmidt am 20. November 1983 den
Grundstein legten. Nach erheblichen Eigenleistungen der Schützen
konnten Haus und neue Schießanlage am 14. Mai 1988 eingeweiht werden.
Damit stand es für die Feierlichkeiten zum großen 100jährigem Jubiläum
vom 1.-3. Juli 1989 zur Verfügung, das mit Krammarkt, Tanz im
Festzelt, Feuerwerk und zahlreichen Gastvereinen in festlichem Rahmen
gefeiert wurde.
Wertewandel,
auf dem Weg in eine multikulturelle Gesellschaft
Bereits 1981 hatte eine außerordentliche
Generalversammlung der Schützengesellschaft nach „hitzigen
Debatten“, wie das Protokoll vermerkt, mit 26 Ja gegen 20
Nein-Stimmen eine Satzungsänderung beschlossen, nach der Frauen
Mitglieder werden und damit am Königsschießen teilnehmen konnten.
Hiermit war an sich ein wesentlicher Grundstein für eine moderne
Vereinsarbeit und die Erweiterung des Schießsports gelegt worden.
Doch Mitgliederschwund und allgemein schwindendes Interesse an
Vereinsarbeit machten auch den Jünkerather Schützen zu schaffen.
Zudem galt die Schützengesellschaft in der Bevölkerung als vornehmer
und elitärer Verein, der keineswegs Wert darauf legte, eine für alle
Jünkerather und Glaadter offene Vereinsarbeit zu betreiben. Hinzu kam
ein sich spätestens seit den 70er Jahren vollziehender Wertewandel in
unserer Gesellschaft, in dem die althergebrachten Normen der Schützen,
die Förderung der „traditionellen Belange, des Brauchtums und der
Sitten“ ihren Stellenwert verloren hatten, wodurch sie nur noch
schwer zu vermitteln waren. Für welche Werte und Ziele, über das
Feiern eines Schützenfestes hinaus, sollten die Schützen noch
einstehen? Für wessen Tradition und wessen Sitten stehen sie in einer
hochmobilen, immer weniger an den Ort gebundenen Bevölkerung, mit
einem immer höheren Anteil von Mitbürgern, die aus anderen Kulturräumen
mit andersartigen Traditionen und Glaubensüberzeugungen zu uns kamen?
Gleichzeitig wurden durch verschärfte Bestimmungen im Waffengesetz
die Möglichkeiten der Jugendarbeit im Schießsport immer weiter
eingeschränkt.
Mit
Tradition und Werten für eine moderne Gesellschaft
Angesichts dieser Herausforderung schuf das
Vorstandsteam der Schützengesellschaft unter ihrem seit 1999
amtierenden Präsidenten Johannes Pitzen, unterstützt durch ihren
Ehrenpräsidenten Kurt Kirsch und zahlreiche aktive Mitglieder, neue
Perspektiven für eine zukunftsorientierte Vereinsarbeit. Schießsport
und Traditionspflege sind zwei unverzichtbare und untrennbare
Bereiche, die gemeinsam die Basis der Schützengesellschaft bilden.
Der Schießsport wurde in den vergangenen Jahren mit neu durchgeführten
Vereinsmeisterschaften und der Teilnahme an Kreis- und
Landesmeisterschaften gefördert. Die durch die verschärfte
Gesetzeslage stark eingeschränkte Jugendarbeit erhielt völlig neue
Gestaltungsmöglichkeiten durch die Anschaffung zweier Lasergewehre
und den Bau eines transportablen Schießstandes, der zu verschiedenen
Anlässen außerhalb der Schießanlage eingesetzt werden kann. Als mögliche
Wegweisung in die Zukunft müssen auch erste Überlegungen zur Gründung
einer Abteilung für Bogen- und Armbrustschützen angesehen werden.
Im traditionellen Bereich der Festtradition
zeigen sich neue Gestaltungsansätze. Seit nun drei Jahren ist das Großfeuerwerk
am Schützenfest-Samstag jährliche Tradition und der 2004 als
Wanderpokal gestiftete „Große Firmen- und Vereinspokal“ führte
zu einem spannenden Wettkampf von Firmen, Vereinen und Einrichtungen
aller Art am Schützenfest-Montag. Der 1. Jünkerather Kreativmarkt
unter dem Motto „Mut zur Kreativität“ wird in diesem Jahr neue
Akzente setzen, auch er soll bei Erfolg zum festen Bestandteil des Schützenfestes
werden. Ein wesentlicher Wandel, der im Rahmen der Vereinsgeschichte
als historisch zu bezeichnen ist, vollzog sich 2003. Gaby Bauschen
fasste als erste der seit 1981 zugelassenen Frauen den Mut, den Männern
die Königswürde streitig zu machen. Am 7. Juli 2003 wurde sie erste
Schützenkönigin seit 1889 und beendete damit 114 Jahre männlich
Repräsentation der Schützengesellschaft. Ihr folgte mit Dorothea Schäfer
gleich eine zweite Königin und heute kommen die Schützen nicht umhin
festzustellen, dass beide durch ihr Engagement und die charmante Art
ihrer Repräsentation der Schützengesellschaft neuen Glanz gegeben
haben.
Auch in der generellen Zielsetzung der Jünkerather
Schützen, bei der Frage nach den Werten, für die die Jünkerather
Schützengesellschaft steht, gibt es neue, verbindliche und in einer
modernen Gesellschaft vermittelbare Antworten. Am 28. November 2004
gaben sich die Jünkerather Schützen einstimmig eine neue Satzung, in
der das Alter beim Königsschießen auf 21 Jahre gesenkt und der
Vorstand zur Straffung der Arbeit verkleinert wurde. Neben der Förderung
des Schießsports ist es Ziel der Jünkerather Schützen die Schieß-
und Festtradition in Jünkerath, das rheinische Schützenbrauchtum und
die Kameradschaft zu pflegen. In besonderer Weise bekennt sich die Schützengesellschaft
zu den Werten der freiheitlich - demokratischen Grundordnung der
Bundesrepublik Deutschland und richtet daran ihre Jugendarbeit aus.
Menschenwürde, Freiheit und demokratische Rechtsstaatlichkeit, gelten
den Jünkerather Schützen als schützenswerte Güter, denen sie sich
verpflichtet fühlen. Damit setzen sie eine wesentliche Tradition des
frühen Schützenwesens fort, mit der Jünkeraths ältester Verein
bestens für eine erfolgreiche Zukunft gerüstet scheint.
Heinz-Werner Dämmer
Zu Daten und
Jahreszahlen siehe auch die Zusammenstellung von D. Klaus in der
„Chronik von Jünkerath und Glaadt“ (1989). Zur Geschichte des Schützenwesens:
Walter M. Plett, Die Schützenvereine im Rheinland und in Westfalen
1789-1939 (1992).